IBA-Projektidee "Neurourbane Quartiere und Freiräume"

Zu spät geboren, um die Erde zu erforschen, zu früh geboren, um den Weltraum zu erforschen – während dieses Sprichwort in Bezug auf reine Landmasse zumindest diskutabel ist, zeigten die letzten Jahre mehr als deutlich: Im Hinblick auf die Entdeckung neuen Wissens ist es dank moderner technischer Möglichkeiten Lichtjahre von der Realität entfernt. Mit am deutlichsten wird dies im Bereich der Psychologie und Neurowissenschaft. Diese neuen Erkenntnisse bieten dabei für verschiedenste Disziplinen das große Potenzial, sich nun noch besser an den Menschen, ihren Entscheidungen und Empfindungen orientieren zu können und damit ein gänzlich neues Level an Qualität zu erreichen.
Dies gilt auch für die Quartiers- und Freiraumentwicklung. Die Verflechtung des klassischen Planungswissens mit diesen neuen Erkenntnissen wird dabei als Neurourbanistik bezeichnet. Die dadurch entstehenden Möglichkeiten? Beinahe endlos. Angefangen von einem klareren Verständnis unserer Bedürfnisse über ein Nachzeichnen von Motivations- und Emotionsentstehung bis hin zu einem profunden Wissen zur menschlichen Wahrnehmung ergibt sich eine Vielzahl von Implikationen, die auch bisher blinde Flecke füllen.
Nutzungen im Quartier, Zielgruppenorientierung sowie ästhetische Wirkungen von Architektur und Freiraum auf alle menschlichen Sinne sind nur ein kleiner Auszug der Felder, die hiervon profitieren können und nun noch besser vernetzt und kommuniziert werden können. Ganz besonders relevant ist dies in der Mobilitätsplanung, da nur wenige Themenfelder bei vergleichbarer Bedeutung für unsere gesellschaftlichen Probleme derart von Emotionen und individuellem Entscheidungsverhalten geprägt werden. Doch den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, wird mit neurourbanen Quartieren und Freiräumen von der Floskel zur Realität.
In Konsequenz wurde bei der Internationalen Bauausstellung (IBA) Metropolregion München mit dem Titel „Räume der Mobilität“ die Projektidee „Neurourbane Quartiere und Freiräume“ eingereicht (Link), da die IBA insbesondere auf Innovationen und zukunftsfähige Konzepte abzielt. Die Projektidee zeichnet sich dabei durch folgende Charakteristika aus:
Auch wenn Quartiere und Freiräume lokale Projekte sind, profitiert – gerade bei einer umfassenden Umsetzung – auch die gesamte Region. Denn durch die klare Orientierung an den menschlichen Bedürfnissen legen neurourbane Quartiere und Freiräume die Grundlage für ein nachhaltig hohes Wohlbefinden. Dies wirkt auf vielerlei Art auf die Region:
Erstens wird dadurch die physische und psychische Gesundheit gestärkt. Gerade angesichts stetig steigender Zahlen von psychischen Erkrankungen und körperlichen Einschränkungen sowie des demographischen Wandels ist dies von immenser Bedeutung. Insbesondere, da z.B. durch den Klimawandel neue Herausforderungen auf uns zukommen – seien es längere Hitzewellen, die sich bereits jetzt auf die Mortalität auswirken, oder neue Krankheitserreger infolge veränderter klimatischer Bedingungen für deren Hauptwirte. Auch neue Technologien können bei all ihren Vorteilen mitunter negative Begleiterscheinungen mit sich bringen – geht durch autonomes Fahren und den Lieferdienst per Flugtaxi die eigene Bewegung noch weiter zurück, muss an anderer Stelle Ausgleich geschaffen werden.
Zweitens wird die Attraktivität der Region erhöht, was ein wichtiger softer Standortfaktor bei der Gewinnung von Fachkräften ist. Damit wird die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit unterstützt. Durch eine geringere Belastung für Pflege- und medizinische Infrastruktur sowie weniger Fehltage und höhere Produktivität infolge von hohem Wohlbefinden wirkt sich auch die angesprochene Stärkung der Gesundheit hierauf positiv aus.
Drittens zeichnen sich neurourbane Quartiere und Freiräume durch viel grüne und blaue Infrastruktur aus, ebenso kann durch ein klares Verständnis des menschlichen Verhaltens besser auf dieses eingegangen werden, z.B. in Bezug auf Klimawandelanpassung. In Konsequenz kann gerade durch eine Vernetzung von Freiräumen auch eine positive ökologische Entwicklung der Region unterstützt werden.
Viertens ist eine lokale Identität eines unserer essenziellen Grundbedürfnisse und wird folglich bei der Planung mitgedacht. Dadurch sorgen neurourbane Quartiere und Freiräume für ein lokales Zusammengehörigkeitsgefühl und vernetzen.
Mobilität wird hier nicht nur als Strom von Personen und Gütern verstanden, den es zu reduzieren, umzuleiten oder in seinem gewählten Modus zu beeinflussen gilt. Durch ein tiefgreifendes Verständnis von Psychologie und Neurowissenschaft wird Mobilität stattdessen aus den Zielen und Motiven der einzelnen Akteure gedacht - und zwar detaillierter und komplexer, als dies mit bisherigen Instrumenten möglich ist. Mobilität wird damit vom zu bändigenden "Fluss" zu einem vielschichtigen Bild individueller Entscheidungen, an denen zielgruppenspezifisch und mit klarem Fokus auf unsere menschlichen Bedürfnisse angesetzt werden kann.
Ein klassisches Beispiel ist hier die Reduzierung des Autobesitzes in Großstädten. Die vielfältigen positiven Wirkungen hiervon – von der reduzierten Schadstoffbelastung bis hin zu neuen Möglichkeiten der Flächennutzung – sind etliche Male diskutiert worden. Doch oft wird dabei vergessen, dass ein Auto mehr ist als nur eine Möglichkeit, um von A nach B zu kommen, und dass bei Alternativen im Bereich des ÖPNV und von Sharing-Angeboten nicht nur quantitative Kriterien eine Rolle spielen. So ist unser Gehirn nur auf die aktive Verwaltung von ca. 150 Sozialbeziehungen ausgelegt, gleichzeitig benötigen wir eine sog. Individualdistanz, also einen gewissen beziehungsabhängigen Abstand zu anderen Personen, um uns wohl zu fühlen. Beides in der U-Bahn zur Rush-Hour? Schlicht unmöglich. Genauso erfüllt ein Auto unser Autonomie-Bedürfnis und gibt uns eine starke Möglichkeit, Kontrolle auszuüben. Auch hängt die Nutzungstendenz bestimmter Verkehrsmittel stark von kulturellen Prägungen und sozialen Vorbildern ab.
Die gute Nachricht: diese Funktionen können durch entsprechende Quartiersentwicklung an anderer Stelle substituiert werden. Kontrolle lässt sich z.B. auch in einem eigenen Gartenabschnitt ausüben und durch sorgfältige Untergliederung von Wohnkomplexen können sich soziale Einheiten bilden, die unsere soziale Energie nicht auffressen. Die schlechte Nachricht: ohne ein genaues Eingehen auf diese Bedürfnisse verbleiben wir in einer lose-lose-Situation – die Nachteile von zu viel Automobilverkehr existieren gleichzeitig zu allseits gefrusteten Akteuren, da keine Seite sich so verhält wie gewünscht.
Auch wenn wir selbst Menschen sind, macht uns dies (leider) nicht zu Experten für alles, was unsere Wahrnehmungen, Entscheidungen und Gefühle betrifft. Ganz entscheidend ist dabei die Berücksichtigung der Neurodiversität, also der neurologischen individuellen Unterschiede. Neurourbane Quartiere und Freiräume ermöglichen durch einen fachlich fundierten Einbezug kultureller und sozialer Hintergründe sowie ein Verstehen der Komplexität des Verhaltens eine gerechtere Planung, die Barrieren abbaut.
Auch für Partizipationsprozesse entstehen dabei wichtige Implikationen, z.B. wie man fachlichen Laien dabei helfen kann, ihre Bedürfnisse zu erkennen und richtig zu artikulieren. So zeigen Studien anhand der bei Umfragen aktiven Hirnareale, dass hier bei Fragen zu persönlichen Wünschen die Antworten oft auf gelernten Kriterien davon basieren, was "gut" und was "schlecht" ist. Doch es findet keine bildliche bzw. sinnliche Vorstellung statt, was uns bei Realisierung tatsächlich erfreuen würde. Dies kann dazu führen, dass „Wollen“ und „Mögen“ auseinanderklaffen und muss durch entsprechendes Prozessdesign vermieden werden.
Der Ansatz der Neurourbanistik wirft nicht alles Bestehende über den Haufen. Vielmehr wird eine höhere Qualität dadurch erreicht, die auch bisher am Prozess beteiligten Fachdisziplinen durch gezielte Fragen noch besser zu machen, indem die neurourbanen Erkenntnisse deren Wissen eine strukturiertere und besser abgestimmte Richtung geben. Besonders die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird dadurch gestärkt, sodass hier auch auf fachlicher Ebene Allianzen entstehen, die durch ihre facettenreichen Kenntnisse gut gewappnet sind für unsere derzeitigen Herausforderungen. Teils werden dabei auch ungewöhnliche Wege gegangen, sodass bestehende Strukturen aufgebrochen werden und neue Netze, gerade über soziale Gruppen hinweg, entstehen.
Um IBA-Projekt zu werden, reicht eine hohe Qualität allein nicht aus. Auch internationale Relevanz sowie eine klar erkennbare Innovation sind notwendig.
Die internationale Relevanz ergibt sich hier v.a. daraus, dass ein besseres Verständnis des Menschen in jeglichem Kontext ein großes Potenzial für Verbesserungen eröffnet, sodass die Idee eine große Skalierbarkeit aufweist. Zwar ist jeder Ort einzigartig, sodass stets eine Detailplanung notwendig ist, doch sind die grundlegenden Planungsprinzipien allgemeingültig. Folglich können sie in die lokalen Planungsprozesse integriert werden und sind auf quasi jedes Quartier und jeden Freiraum anwendbar.
Weiterhin zeichnet sich die Idee durch einen hohen Grad an Innovation aus, da der Ansatz der Neurourbanistik erst in den letzten Jahren entstanden ist. In Konsequenz kann die Metropolregion München eine globale Vorreiterrolle bei dessen Umsetzung einnehmen.
Als generelle Einführung in die Thematik existiert die "Charta der Neurourbanistik", die jedoch nur einen Überblick gibt und für die Planungspraxis zu unkonkret ist. Deshalb wurde dies bei pfeilschifter plan & perspektive mithilfe von klassischem Planungswissen sowie Kenntnissen zu Psychologie und Neurowissenschaft weiterentwickelt und verfeinert. Daraus entstand ein umfassendes Kompendium, das die Relevanz und Grundlagen der Neurourbanistik beleuchtet und darauf aufbauend einen konkreten Handlungsleitfaden zur Entwicklung neurourbaner Quartiere und Freiräume enthält. Das theoretische Fundament ist gelegt – Zeit, mit der praktischen Umsetzung zu beginnen!
